Chapter 3: Rennrad mit Tsunami-Schaltung
Ich hatte mich damals ziemlich in Marilyn verknallt. Sie hatte hexiges, rotes Haar und einen zarten Teint wie Schneewittchen.
Wir lernten uns auf dem Friedhof der kleinen Stadt kennen. Sie trug schwarz wie eine Lolita-Witwe und stand vor einem alten Grab mit einem mannshohen Marmorengel.
Sie starrte den Engel hasserfüllt an, als hätte der ihr gerade in die Beautybox gekackt.
Ich glaubte schon damals, ich sei ein ausgebuffter Charmeur und sonderte folgenden coolen Anmachspruch ab: “Halloooo. Na?”
Marlyn glotzte den Engel an, als sei DER real und ICH ein eigentlich unsichtbares Federgespenst.
Ich fühlte mich im Nu desillusioniert. Der Rest war Schlottern und Stottern.
Irgendwie kamen wir aber doch noch ins Gespräch. Marilyn fragte: “Wie alt bist du eigentlich, Alter?”
Ich lächelte einnehmend wie ein Mittschnacker und sagte mit besonders tiefer Stimme: “Wenn du 17 bist, dann bin ich schon 18.”
Marilyn grinste frech zurück und fragte: “Und wenn ich 13 bin?” – Und ich knickte sofort ein: “Okay, ich bin 16, aber nächstes Jahr werd ich 17, versprochen.”
“Hast du nen Auto?” wollte Marilyn noch wissen.
“Nee, aber nen Rennrad mit Tsunami-Schaltung”, sahte ich.
Das war die falsche Antwort. Marylins tiefseegrüne Augen schienen mit einem Schlag erloschen wie ein Vulkan aus dem Paläozoikum.
Sie zog einen trotzigen Flunsch, als hätte ich ihr jetzt ihren Glauben an Prinzen mit Goldhaar und Kfz-Betriebserlaubnis geraubt.
“Vergiss es!” zischte sie enttäuscht und hatte sich schon wieder ihrem Engel zugewandt, der sie die ganze Zeit öde und nichtssagend angehimmelt zu haben schien.
Ich hätte dem Mamorgötzen gern vors Schienbein getreten oder ihn mit dem Presslufthammer zu Bauschutt verarbeitet. Aber auf’m Friedhof sind griffbereit herumliegende Presslufthämmer eher selten.
Also blieb mir nichts anderes übrig als kämpferisch die Faust zu ballen und Marilyn zum Abschied zuzurufen: ”Rot Front, Genossin. Der Krampf setzt Eiter!”
Und Abgang vom Gottesacker.
(To be continued.)